Es gibt öffentliche Personen, deren lebende Präsenz derart mit dem eigenen Identitätsempfinden verbunden sind, dass ein Leben ohne sie in dieser Welt falsch und lückenhaft erscheint. Dass ihr Tod das Leben ein Stück mehr zu dem eigenen, stetig schrumpfenden Rest macht, von dem ich vermute, dass er es ist, der alte Menschen manchmal auf diese sehr endgültige Weise traurig stimmt. Ist er für sie vermutlich kaum noch wahrnehmbar. Der Rest wächst nie mehr.

Im Sommer 1983 sagt David Bowie breit grinsend, in Augenhöhe vor mir kniend “You must be my youngest fan!” und gibt mir die Postkarte mit einer Zeichnung Jean Cocteaus, die er zuvor mit einem schnellen Handgriff aus dem Museumsshop des Städel in Frankfurt entwendet und seinen Namen darauf geschrieben hat.

Im Oktober 2003 sind die letzten Worte “Thank you so much! We had a very lovely evening!”. Nach einem unglaublichen Konzert, das sich wahrscheinlich zum letzten Mal so jung und kraftvoll anfühlte. Anschließend stand ich noch eine ganze Stunde mit pumpendem Herz sprachlos vor der Halle in Köln und wollte einfach nicht fahren.

Es gibt Personen auf deren Verschwinden man sich vorbereiten kann. Sie verabschieden sich langsam und sachte. Heute Nacht erschien ein neuer Song von David Bowie.

“Aber lasst uns nicht vergessen, wieviel wir sonst schon, ehe all diese Sachen zur Sprache kamen, um gesellig zu sein, von unseren Eigenheiten aufopfern mussten, und dass jeder, solange die Welt stehen wird, um gesellig zu sein, wenigstens äußerlich sich wird beherrschen müssen.” (Ford Madox Ford)

Ich bin kein Routinier. Hin und wieder schiesse ich über Verträgliches hinaus. In Gesellschaft.
Erscheinen neue Menschen und Neugierde schwappt schräg über die Tische, bekomme ich Schwierigkeiten mit Konventionen. Wenn Subtiles und Nuancen hinreißen, wenn’s ohnehin schon spät und endlich mal nicht gewöhnlich ist. Wenn die Mundwinkel nicht mehr anders können als sich zuckend in freudiges Grinsen zu verziehen. Wenn wir dann rasch wegsehen, kurz durchatmen müssen. Dann gibt’s nach in mir. Und ich nichts mehr auf Beherrschung.

Auf dem Heimweg kommen sie dann gerne noch vorbei. Die Zweifel. Zweifel und das unsichere Gefühl, sich entschuldigen zu müssen. Dass es zu viel war.

Ich glaub, ich brauch mal ne Pause. Ne Pause von den ganzen Stimmen. Pro, Contra und die ganzen schlauen Diplomaten. Ständig angesprochen, jederzeit zur Stelle. Aus der Touchscreenkanüle durch mich durch. Selbstreferenzieller Mitteilungswahn gewinnt an Zutritt. Faseln, Junkies überall. Plötzlich Sehnsucht nach guter alter Bevormundung. Ruhe. Bitte. – Einmal schau ich noch. Refresh.

“This was to be my final hit, but let’s be clear about this. There’s final hits and final hits. What kind was this to be?” (Mark “Rent-boy” Renton, 1996)

Seid nicht albern. Selbstverständlich macht das hier süchtig. Schillernder Haufen verpixelten Heroins.


Auf dem Boden vor dem Supermarkt sitzt seit Monaten ein obdachloser Mann. Er trägt Hut und veranstaltet dort seinen eigenen Flohmarkt. Auf der kleinen Decke findet man alte Videospiele, kaputtes Geschirr, einen Plastikbecher mit einzelnen selbstgedrehten Zigaretten und zerschlissene Taschenbücher. Gestern bot er Günter Wallraffs “Ganz unten” zum Kauf an. Als ich nach dem Einkauf wieder bei ihm vorbeikomme, hat es jemand gekauft. Anekdote inklusive. Und ich frag mich: weshalb ist eigentlich wichtig, was die Starken wollen?

Jetzt ist immer sofort vorbei. Und bisher war mir das vollkommen egal. Das war schön so. Ich kann’s ja auch morgen noch haben. Und heute gehn wir essen am Kanal. Und dann sagen sie dir, dass du jetzt bewusster sein musst. Und mit bewusster meinen sie vernünftig. Und mit vernünftig meinen sie Verzicht. Kommt mir nicht so…

Wenn sich relevantes im Leben ändert, fängste an dich zu erinnern. Früher erscheint kaum mehr in Bewegung während sich Eben eilig entfernt. Wer erzählt also schon von gestern, wenn er an früher denken kann? Ist doch viel schöner. Und du kannst die ganze tolle Musik dazu hören.

Und dann schauste auf der Stadtautobahn aus dem Fenster und kapierst, wenigstens für nen kurzen Moment: bewusst heißt aufmerksam. Jetzt halt. Eigentlich ziemlich einfach. Und auch ganz schön.

Erinnerst Du Dich noch daran, wie wir begannen zu spüren, dass alles bald vorbei sein würde? Wir haben’s nicht angesprochen. Nur klammernd vor uns hergestarrt. – Bau mal einen.

Wir sitzen im Park, gleich neben der Schule, und haben beide lange Haare. Knapp hinter uns viele Geschichten, die wir später verklären werden. Ich tue das jetzt schon. Gleich wird T. kommen. Der Kopfhörer in einem Ohr. Wie immer Iron Maiden, Overkill oder so ein Scheiß. Früher hätten wir ihn damit aufgezogen. Man müsse natürlich Slayer hören. Oder irgendwas noch härteres. Hart war wichtig. Mittlerweile bist Du beim Kiffer-HipHop und ich bei Wave, Independent und Alternative, wie man das heutzutage nennt. Und heimlich Pop.
Wir schwänzen Kunst. Logisch. Die peilt das ja eh nicht.
T. kann außerordentlich gut zeichnen. Dafür wurde er in der Klasse zumindest immer restrespektiert. Man war nett, wenn man ein Portrait oder sowas von ihm wollte und mochte ihn dann auch, weil er so unvoreingenommen und entspannt war, beim Zeichnen. Danach war er ziemlich schnell wieder der gute alte Klassenarsch. Nur bei uns beiden war er irgendwie dabei. Ungefähre Musikverwandtschaften. Und erzählen kann er auch gut.
Vorhin gab es Notenbesprechungen. T. schafft die Versetzung knapp. Ich nicht. Keine Oberstufe mit Euch beiden. Sitzenbleiben. In eine neue Klasse kommen. Mich das erste Mal so richtig fürchterlich verlieben und ein unglaublich romantisches Jahr erleben. Aber davon weiß ich jetzt noch nichts.

Veränderung als abstraktes Konzept. Drohend unbekannt im Hintergrund. Diese dumpfe Erkenntnis, dass wir uns dem nächsten Schritt nun doch nicht erwehren können und die ganzen alternativen Vorstellungen naiv waren. Später, viel später, bin ich froh, bei der ersten Durchwürfelei gepatzt zu haben. Und ich behaupte einfach, das sei was instinktives gewesen. Aber es soll ja um uns gehen.

Die Stadt war klein mit schlechtem Image. Drogen, Gewalt und die ganzen ahnungslosen Banker. Bahnhof Zoo spielen an der Konstablerwache, Szene imitieren im Grüneburgpark, die Batschkapp unser cleanes Sound. Unser gefährlicher Dschungel mit Sicherheitsanbindung. Zur Not gingen wir einfach nach Hause. Kaputt war’n wir echt nich, aber wenn wir spät in der dreckig flackernden Station auf die U-Bahn warteten, war’s schon ganz schön geil Iggy Pop. Denn die Mädels mochten unsere Schuhe. Muss lachen.

T. sitzt neben uns. Was er wohl denkt? Und Du schnippst mit der letzten Tüte unsere ausgelebte Welt in den verkackten Spielplatzsand. Schluss mit der Albernheit. Ab und zu werden wir uns vermissen. Aber das alles erst viel später. Macht’s gut. Oberstufe. Krass. Tschö.

Du hast jetzt ein Kind. Vielleicht auch zwei. Ich wohn in Berlin. Schon wieder hinten dran.

Es is gut so, wie es is. Erwachsen, verstehste?

Nachdenken. Denn: so viel ist noch nie passiert. Noch nie so viel in so kurzer Zeit. Und mir stehen die Haare zu Berge, wenn ich überlege, was das alles bedeuten kann. Zu was das alles führen kann.

Darüber rede ich hier natürlich nicht. Wenigstens nicht so, dass ich es bereuen könnte. Denn, egal was Du sagst, das würde ich.